Wissenschaftsrat

Neue Wege für die Universitätsmedizin? Geplanter Aufbau der Universitätsmedizin Bielefeld und Modellprojekt Bonn-Siegen werfen Licht und Schatten

Ausgabe 29 | 2019
Datum 28.10.2019

„Das Konzept für eine neue Medizinische Fakultät an der Universität Bielefeld greift Bereiche von hoher gesellschaftlicher Relevanz auf und knüpft klug an das Profil der Universität und die Stärken der Region an“, sagt Martina Brockmeier, Vorsitzende des Wissenschaftsrats.

Die Erforschung von „Beeinträchtigung und Teilhabe“ sowie die Entwicklung von Assistenzsystemen für Menschen mit Beeinträchtigung können dazu beitragen, die Herausforderungen des demografischen Wandels zu bewältigen. „Der Standort Bielefeld kann damit die technologische Vorreiterrolle der digitalen Modellregion Ostwestfalen-Lippe stärken“, so Brockmeier weiter.

Das Entwicklungsstadium des Gesamtkonzepts zum Aufbau der Universitätsmedizin Bielefeld lässt zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine endgültige Bewertung zu. Es mangelt insbesondere an einem ausgearbeiteten Curriculum, aus dem sich die Personal-, Flächen- und Finanzbedarfe erst ableiten lassen. Für einen erfolgreichen Studienbetrieb ist es somit aus Sicht des Wissenschaftsrats unumgänglich, den zum Wintersemester 2021/22 vorgesehenen Studienstart zu verschieben. Derweil gilt es für die Medizinische Fakultät, die strukturellen Herausforderungen des Zusammenwirkens mit mehreren Klinikpartnern zu meistern: Bei diesen sind die notwendigen Strukturen für Forschung und Lehre aufzubauen und eine universitären Maßstäben entsprechende Krankenversorgung zu etablieren. Zentral wird es sein, den Belangen von Forschung und Lehre auch bei den Klinikpartnern die nötige Geltung zu verschaffen.

Im Modellprojekt „Medizin neu denken“ wollen sich die Universitätsmedizin Bonn und die Universität Siegen gemeinsam mit einem Verbund von Siegener Kliniken zusammen in Forschung und Lehre mit den Potenzialen der Digitalisierung in der Medizin befassen. Damit soll auch ein Beitrag zur Lösung regionaler Versorgungsprobleme geleistet werden. Eine wesentliche Säule des Modellprojekts stellt der bereits angelaufene Kooperationsstudiengang dar, in dem die Siegener Klinikpartner ab dem Wintersemester 2021/22 in einem „Zweitcampus-Modell“ die Lehre im klinischen Studienabschnitt übernehmen sollen. Daneben ist vorgesehen, eine Lebenswissenschaftliche Fakultät an der Universität Siegen aufzubauen und gemeinsame Forschungsprojekte mit der Universitätsmedizin Bonn durchzuführen. Aus Sicht des Wissenschaftsrats ist das Konzept für das Modellprojekt jedoch nicht überzeugend. Seiner erfolgreichen Realisierung stehen gravierende Planungsdefizite entgegen, insbesondere hinsichtlich eines sachgemäßen und qualitätsgesicherten Lehrbetriebs in Siegen bis 2021. Zumal generell festzuhalten ist, dass bei „Zweitcampus-Modellen“ die notwendige Sicherung der Belange von Forschung und Lehre in der Zusammenarbeit mit den jeweiligen Krankenhauspartnern aufwendig und oftmals problematisch ist. Der Wissenschaftsrat gibt daher grundsätzlich zu bedenken, dass die Einrichtung von „Zweitcampus-Modellen“ weder eine kostengünstigere Alternative der Medizinerausbildung darstellen kann, noch die Erhöhung der Studierendenzahlen an peripher gelegenen Standorten das Problem der Ärzteversorgung des ländlichen Raums zu lösen vermag. „Der für die erfolgreiche Durchführung des Modellprojekts Bonn-Siegen notwendige Aufwand ist schlicht nicht gerechtfertigt“, resümiert Martina Brockmeier. „Angesichts der ohnehin schon großen Herausforderungen, die das Land NRW in der Universitätsmedizin zu bewältigen hat, fordert der Wissenschaftsrat das Land daher auf, das Modellprojekt ‚Medizin neu denken‘ nicht weiterzuverfolgen.“ Die in dem Konzept enthaltenen innovativen Ansätze sollte das Land in die Verbesserung der regionalen Versorgung einfließen lassen, etwa im Rahmen telemedizinischer Modelle.

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